
Bestickte Tücher – die Seele des ukrainischen Hauses
Die Ausstellung zeigte die ukrainische Haushaltskultur und die Traditionen der Verwendung bestickter Tücher. Das Tuch war ein zentrales Element dieser Kultur: Ein Neugeborenes wurde darin gewickelt, Hochzeitszeremonien waren ohne ein Tuch nicht vollständig, und auch bei Beerdigungen durfte es nicht fehlen. Ehrengäste wurden mit Tüchern begrüsst, eine Mutter schenkte ihrem erwachsen gewordenen Kind ein Tuch beim Verlassen des Hauses, und ein Mädchen bestickte ein Tuch als Geschenk für den Verlobten.
Auch in jüngerer Zeit blieben die Tücher in der Ukraine Hausschmuck. Sie zierten Ikonen an den Wänden, hingen über Fenstern, lagen auf Tischen oder wurden für die traditionelle Kleidung verwendet. Die sogenannten Rushnyks waren äusserst vielfältig: In jeder Region des Landes hatten die Frauen eigene Muster gestickt, mit unterschiedlichen Farben, Fäden, Stoffen und Techniken. In der Sowjetzeit, als Bauern kaum gewebte Tücher oder Fäden besassen, dienten sogar Stücke von Bettlaken als Grundlage; Fäden wurden aus gestrickter Kleidung gezogen und getauscht, weil es nur wenige Farben gab. Gestickt wurde trotzdem – ein Ritual, das mit der Suche nach einem Muster begann und in einem stillen, konzentrierten Prozess endete. Man glaubte, dass ein Teil der Seele der Näherin in das Tuch überging.
Die Ausstellung trug auch eine symbolische Bedeutung: Viele ukrainische Frauen hatten, als sie ihr Land wegen des Krieges verlassen mussten, ihre wertvollsten Besitztümer mitgenommen – unter ihnen von Müttern bestickte Hand- und Hochzeitstücher. In der Ausstellung standen die Tücher für die Einsamkeit über der verlorenen Heimat und für die Dankbarkeit über die Fürsorge im neuen Zuhause.
Die gezeigten Tücher stammten sowohl aus Privatbesitz ukrainischer Frauen als auch aus Sammlungen. So entstand eine farbenfrohe und vielfältige Schau, die mehr als hundert Jahre alte Stücke ebenso umfasste wie moderne Arbeiten. Die meisten waren von Hausfrauen gefertigt worden, um ihre Wohnungen zu schmücken. Sie waren nicht von hoher Kunstfertigkeit, dafür aber kreativ, ehrlich und einzigartig. Ergänzt wurde die Kollektion durch gewebte Tücher mit Häkelarbeiten und Arbeiten von Kunsthandwerkerinnen in der Schweiz.
Die Vielfalt dieser Sammlung beeindruckte und sollte Kunsthandwerker, Näherinnen sowie alle an Volkskunst und fremden Kulturen Interessierten inspirieren.
Kurzinformationen
Ausstellungsdaten
Ausstellung:
Sonntag, 22. Dezember 2024, 14.00 Uhr bis 18.00 Uhr
Sonntag, 5. Januar 2025, 14.00 Uhr bis 18.00 Uhr
Über die Organisatorin der Ausstellung:
Anna Pavlyk, wohnhaft in Gossau, Kriegsflüchtling aus der Ukraine, Mitbegründerin des Verein zur Förderung der ukrainischen Kultur in der Schweiz, Psychologin und Schriftstellerin. «Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um mich für die Möglichkeit, die Ausstellung zu organisieren und für die Unterstützung zu bedanken: Beim Sozialdienst von Gossau, der Museumsleiterin Jasmin Gadola, bei Rahel und Gianni Fenice aus Ottikon, der Familie von Maja und Heinz Bosshard-Keller aus Herschmettlen, Ieva und Robin Hull aus Bertschikon und bei allen Gossauerinnen und Gossauern, die das Projekt unterstützt und mir erlaubt haben, die Tücher in ihren Gärten zu fotografieren. Nur dank ihrer freundlichen Haltung und ihrer aufrichtigen Bewunderung für die Schönheit des Kunsthandwerks wurde diese Ausstellung möglich.»



